Herz schlägt für Mütterchen Russland

Saarbrücker Zeitung, 04.04.2015

Im Verein „Junost“ haben sich Jugendliche mit Wurzeln in den Länder der Ex-Sowjetunion und junge Saarländer zusammengeschlossen. Ziel ist es, die russische Sprache und deren kulturelle Werte zu pflegen. Doch es sollen auch Vorurteile abgebaut werden.
. Sie sehen aus wie gewöhnliche junge Mitteleuropäer und kleiden sich auch so. Und doch sind sie ein bisschen anders, die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, die ihre Wurzeln in den Ländern der ehemaligen Sowjetunion haben und jetzt im Saarland leben. Und sei es nur deshalb, weil sie Weihnachten und Ostern später feiern. „Wir wollen uns in die saarländische Gesellschaft integrieren, aber unsere eigenen kulturellen Werte und unsere russische Sprache erhalten“, sagt Natalia Markovich. Die 27-Jährige sitzt in ihrem Büro in der Fichtestraße 8 in Saarbrücken, direkt neben einer Garageneinfahrt.

Hier haben sich „Junost“, der Verband der russischsprachigen Jugend in Deutschland, und das staatlich geförderte Projekt „Teilhaben im Saarland“ eingerichtet. Markovich, die im Alter von zehn Jahren mit ihrer Familie aus St. Petersburg nach Deutschland kam, hat einen Master-Abschluss der Uni Bonn in Medienwissenschaften und leitet das Projekt im Saarland bis 2017. „Ziel ist es, russischsprachige Jugendliche in die Jugendarbeit im Saarland zu integrieren“, sagt sie. Etwa 50 Jugendliche, die aus der Ukraine, Russland, Kasachstan, Georgien oder Armenien stammen, aber auch waschechte junge Saarländer treffen sich regelmäßig in den Räumen in der Fichtestraße: Mittwochs wird Gitarrenunterricht angeboten, sonntags wird getrommelt, es gibt Fitness-Angebote und die „Crazy Fingers“. „Das ist ein Mädchenkreis, in dem gemeinsam genäht und gebastelt wird“, erklärt Natalia Markovich. Freitag- oder Samstagabends finden regelmäßige Veranstaltungen statt. Ein „Länderabend USA“ fand mit Pommes und Hotdogs Anklang. Praktische Seminare wie etwa zu Sozialen Medien, Webseiten-Gestaltung oder Bewerbungen sind sehr gefragt.

Das Projekt „Teilhaben im Saarland“ sei auch deshalb so wichtig, weil es gelte, Vorurteile gegenüber Russlanddeutschen abzubauen. „Oft werden junge Russlanddeutsche in den Medien mit Kriminalität in Zusammenhang gebracht“, erklärt die Medienwissenschaftlerin. „Wir wollen dagegen zeigen, dass wir Gutes tun.“ Dabei sind die Zeiten nicht gerade ideal für dieses Ziel: Die Ukraine und Russland befinden sich im Kriegszustand. ,„Junost’ ist keine politische Organisation“, betont Markovich. Es würden daher keine politischen Debatten in den Räumen in Saarbrücken geführt. „Es kann keiner sagen, was wirklich die Wahrheit in diesem Konflikt ist“, sagt Markovich, die weiß, mit welchen Tricks die Medien der beiden großen Kontrahenten arbeiten.

Statt auf politische Streitgespräche setze „Junost“ auf Jugendaustausch: Vier Mal sind bereits Jugendliche aus dem Saarland nach Kasan, St. Petersburg, Odessa und in die Karpato-Ukraine gefahren, haben dort das Leben von Gleichaltrigen kennen gelernt. Gegenbesuche folgten. „Leider werden die Besuchsreisen jetzt schwieriger wegen des Währungsverfalls. Dennoch sollte man jetzt erst recht Jugendarbeit gestalten“, sagt sie mit Nachdruck. Denn damit könne „Junost“ für Frieden sorgen.